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Erfahrungsbericht: Bachelor und Master Biotechnologie / Bioverfahrenstechnik an der Hochschule Anhalt

Erfahrungen StudiumAls wir Frank gefragt haben, ob er seine Erfahrungen zu seinem Bachelor und Master Studium an der Hochschule Anhalt in einem Interview mit uns teilen würde, hat er direkt zugesagt. Er findet es sehr wichtig, dass sich Studieninteressenten richtig informieren können, denn er hat sich „zuerst auch ‚vergriffen‘ bei der Studienwahl“, wie er uns sagte. Wir haben Frank also zu seinem Biotechnologie Studium befragt und geben seine Antworten nachfolgend gerne weiter.

Hallo Frank, vielen Dank, dass du dir Zeit für diesen Erfahrungsbericht nimmst. Wie kamst du eigentlich auf die Idee, ein Studium im Bereich Ingenieurwesen zu absolvieren? Oder lag das Interesse ursprünglich eher bei der Biologie?

Grundsätzlich bin ich eher naturwissenschaftlich interessiert. Gerade die Biologie und Biochemie fand ich schon immer faszinierend. Und wenn man verstanden hat, wie die Natur im Kleinsten funktioniert und diese Erkenntnisse dann auf den technischen Maßstab anwendet, bis hin zu großen Industrieanlagen, ist das wahnsinnig spannend.

Du hast erst an der Uni Halle mit dem Diplom-Studiengang Bioinformatik begonnen, dich dann aber um- und für den Bachelor Biotechnologie / Bioverfahrenstechnik an der Hochschule Anhalt entschieden. Woher kam dieser Studienwechsel? Und worin liegt der hauptsächliche Unterschied dieser Studiengänge?

Das Studium der Bioinformatik ist letztlich ein vollwertiges Informatikstudium, gewürzt mit ein paar Vorlesungen zur Biochemie und Biologie. Der Studienplan war so aufgebaut, dass man ca. 80% der Veranstaltungen der Informatik und ca. 50% der Veranstaltungen der Biochemiker hörte. Damit war insgesamt ein ordentliches Pensum zu bewältigen und hinzu kam, dass in manchen Vorlesungen aus Informatik oder Biochemie, die nicht zum Studienplan für Bioinformatik zählten, teilweise der Stoff vermittelt oder vertieft wurde, der mir dann wieder fehlte für besuchte Veranstaltungen.

Insgesamt war der Studiengang der Bioinformatik an der Uni Halle leider recht chaotisch organisiert. Das lag im Wesentlichen daran, dass kein Fachbereich, weder Informatik noch Biochemie, sich wirklich hierfür verantwortlich fühlte und man somit immer „zwischen den Stühlen saß“.

Aber auch inhaltlich war die Bioinformatik nicht dass, was ich mir darunter vorgestellt hatte. Letztlich ist man Informatiker, der im besten Fall etwas Ahnung von Räuber-Beute-Beziehungen und intrazellulären Stoffwechselvorgängen hat. Somit ist man befähigt, zum Beispiel Steuer- oder Auswertesoftware für biologische Systeme oder Genom-Datenbanken für Molekularbiologen zu schreiben. Klingt an sich spannend, man hat aber nur mit der Informatik zu tun. Die biologischen und chemischen Hintergrundinfos, die man als Bioinformatiker hat, dienen dazu, besser auf die Wünsche der Naturwissenschaftler in der Anwendung eingehen zu können, da man mit Begriffen wie pH-Wert, Wachstumskinetiken, Diffussionsgradienten, etc. etwas anfangen kann im Vergleich zum reinen Informatiker.

Im Gegensatz dazu muss man als Biotechnologe komplett in der Biologie drinstecken. Man arbeitet mit lebenden Systemen, z.B. Mikroorganismen in Suspensionen oder auf Oberflächen, Geweben und Enzymen, Zellkulturen, etc. Die Kenntnisse, die man hinsichtlich der biologischen und biochemischen Vorgänge hat, nutzt man z.B., um Fermenter für die Produktion von Pharmaka oder Vitaminen zu konstruieren. Hierzu muss man wahnsinnig viele Dinge beachten: Was benötigen die Organismen / Zellen zum Wachstum (Nährstoffe, Zusatzstoffe, Umweltbedingungen)? Wie kann ich eine gute Durchmischung erreichen um Gradienten zu verhindern ohne die Zellen zu schädigen? Entsteht genug Reaktionswärme / muss ich kühlen oder heizen? Wie bekomme ich sie dazu, genau das zu produzieren, was ich möchte und das in großen Mengen? Wie stelle ich die Aufreinigung der Produkte sicher?

Es gibt also wahnsinnig viel zu beachten und zu wissen und man hat sehr viel mehr mit der Biologie zu tun. Für die technische Umsetzung braucht man ingenieurtechnisches Wissen, um entsprechende Geräte / Apparate bis hin zu ganzen Anlagen planen und berechnen zu können.

Bitte sei so nett und gib uns einen Einblick in deinen Studienablauf im Biotechnologie Studium. Was sind die Studieninhalte? Welche Schwerpunkte kann man wählen oder setzen? Wird viel praktisch gearbeitet oder eher theoretisch gelernt? Wie ist die Studienatmosphäre?

Grundsätzlich ist die Biotechnologie an der Hochschule Anhalt auf einem Ingenieurstudiengang aufgebaut. Als traditionsreiche Ingenieurhochschule hat sie hierzu auch allerbeste Voraussetzungen. Das ist nicht überall so, meines Wissens nach gibt es dies noch an der Hamburger Hochschule, an anderen Hochschulen ist die Biotechnologie der Molekularbiologie zugeordnet. Somit fehlt dann meist der technische Bezug, z.B. auch mal einen Wärmeübertrager zu berechnen oder eine Schneckenzentrifuge auszulegen, was je nach Betätigungsfeld später nicht unwichtig ist.

Im 6-semestrigen Bachelorstudium kann man sich entscheiden, ob man seinen Studienschwerpunkt auf die Molekulare oder die Verfahrenstechnische Biotechnologie legen möchte. Dementsprechend besucht man dann ein paar andere Vorlesungen aus dem Pool der Wahlpflichtveranstaltungen.

  • In der Molekularen BT sind die Schwerpunkte mehr in Richtung Genetik, gentechnische Verfahren, Zellkulturtechniken, etc. Also mehr in Richtung der pharmazeutischen und medizinischen Anwendungsgebiete der Biotechnologie.
  • Bei der Verfahrenstechnischen BT stehen Apparate und Anlagen im Vordergrund. Einige physikalische Vorgänge zur Stoff- und Wärmeübertragung werden vertieft sowie Werkstoffe und Apparatebau besprochen.

Das ist aber erst ab dem 4. Semester der Fall, vorher bekommt man unabhängig des späteren Schwerpunktes die Grundlagen in den einzelnen naturwissenschaftlichen und ingenieurtechnischen Bereichen beigebracht: Hierzu gehören z.B. Mathe, Physik, anorganische, organische und physikalische Chemie, Thermodynamik, Strömungslehre, Stoff- und Wärmetransportprozesse, Mikrobiologie, Zellbiologie, Genetik, etc.

Im 4-semestrigen Masterstudium gibt es keine Unterscheidung in Schwerpunkte mehr, hier kann man aus verschiedenen Wahlpflichtmodulen wählen, ohne vorgegebene Rahmenbedingungen.

Fast alle Vorlesungen werden in dazugehörigen Übungen vertieft. Meist hat man 4 SWS Vorlesung + 2 SWS Übung. Die Veranstaltungszeiten überschneiden sich fast nie, bis auf wenige Wahlpflichmodule, die man dann aber auch nicht beide braucht. Man kann also sogar mit viel Elan noch ein paar mehr Veranstaltungen besuchen und diese mit Prüfungen abschließen. Die Noten können dann im Zeugnis eingetragen werden, fließen aber auf keinen Fall in den Gesamtschnitt mit ein.

Die Übungen werden immer von den Professoren selbst gehalten, d.h. man hat immer direkten Kontakt zu seinen Professoren. Auch sind die Studierendenzahlen nicht so hoch und somit die Gruppen recht klein, meist 15 – 25 Studenten. Die Atmosphäre möchte ich schon fast als familiär bezeichnen. Die Studenten eines Studienjahres lernen sich schnell kennen, zu höheren Semestern bekommt man auch problemlos Kontakt, was ja oft hilfreich ist.

Darin sehe ich auch einen der größten Vorteile gegenüber einer Uni. Bereits nach 1 – 2 Semestern kennen die Professoren ihre Studenten namentlich und sind auch immer ansprechbar. An der Hochschule Anhalt gibt es keine Sprechzeiten wie meist üblich. Generell kann man die Lehrbeauftragten immer ansprechen, im Büro, im Labor oder wenn man ihnen sonst über den Weg läuft.

Zusätzlich zu den Übungen gibt es bei vielen Veranstaltungen auch ein Praktikum. Dann kann man die Theorie direkt im Labor ausprobieren und muss danach meist ein Protokoll anfertigen, dessen Anerkennung Prüfungsvoraussetzung ist.

Sowohl im Bachelor- als auch im Masterstudium muss man je Semester eine Praktikumsarbeit anfertigen. Das kann man entweder in einem Unternehmen in den Semesterferien oder in einer der zahlreichen Forschungsgruppen der Professoren tun. Hierzu werden jedes Semester entsprechende Themenvorschläge von den Professoren ausgegeben.
Somit ist das Studium sehr stark praxisorientiert. Man ist jedes Semester damit beschäftigt, sein erworbenes Wissen in der Praxis auszuprobieren und muss darüber entsprechend eine Arbeit verfassen und verteidigen. Man lernt somit direkt im Studium entsprechende Praktiken für die spätere Berufstätigkeit. Dabei wird man allerdings nie allein gelassen. Die Mitarbeiter stehen immer helfend zur Seite und auch die Professoren geben genau bekannt, was sie erwarten und geben zwischenzeitlich Tipps.

Alle Professoren sind in der Forschung aktiv tätig mit ihren Arbeitsgruppen. Hier werden immer engagierte Studenten gesucht, die sich mit einbringen wollen. Das bietet nicht nur die Möglichkeit, ein paar Euros zu verdienen, sondern man bekommt unmittelbar Einblick in den Forschungsalltag und der vermittelte Stoff festigt sich direkt durch praktische Anwendung. Die möglichen Tätigkeitsfelder reichen hierbei von der Verfahrenstechnik, Abwasserreinigung und Produktionsprozessentwicklung bis hin zur Gentechnik und Zellkulturverfahren, je nach Professor und Arbeitsgruppe.

Dabei sei noch erwähnt, dass man nicht nur „Reagenzgläser putzen“ darf, sondern man wird (bei entsprechender Eignung und nach gründlicher Einweisung natürlich) eigenverantwortlich in den Laboralltag mit eingebunden. Man ist dann also auch für Versuche, deren Planung, Durchführung, Analyse, Auswertung etc. verantwortlich.

Die Biotechnologie ist ja eine stark wachsende Branche mit vielen interessanten Tätigkeitsfeldern. Da hat man doch bestimmt gute Karrierechancen, oder was ist dazu deine Erfahrung? Welche Jobs kommen nach solch einem Studium eigentlich in Frage?

Die Biotechnologie ist ja, wie der Name schon sagt, die technologische Anwendung biologischer Vorgänge. Man versucht also, der Natur den nötigen Raum und die Bedingungen zu geben, welche sie benötigt, um die beabsichtigte Aufgabe zu erfüllen. Somit sind die Einsatzfelder extrem vielfältig, von der hochreinen Produktion von pharmazeutischen Wirkstoffen und Enzymen über die Vitaminsynthese bis hin zur Abwasserbehandlungsanlage oder Biogas. Überall da, wo in irgendeiner Form mit lebender Materie gearbeitet wird um etwas zu produzieren, umzuwandeln oder abzubauen, sind Biotechnologen zugange. Und das reicht vom kleinen Maßstab in der Zellkultur (wo man mit Pipetten mit 0,1µl und kleiner arbeitet) bis hin zu großen Fermentationsanlagen z.B. in der Bioethanolproduktion mit mehreren hunderttausend Tonnen Produktionsvolumen im Jahr.

Als Biotechnologe ist man tendenziell mehr mit der Forschung / Entwicklung betraut. Man muss in der Industrie Verfahren und Produktionsprozesse entwickeln. Eine funktionierende Anlage wird dann meist von Technikern etc. gefahren. Eine Betreuung durch Biotechnologen ist zwar sicher auch vorhanden, zielt dann aber doch immer mehr auf eine Optimierung / Weiterentwicklung.

Im akademischen Bereich arbeitet man im Labor mit Mikro- und Molekularbiologen zusammen. Diese haben dann sicher mehr Wissen hinsichtlich Zellkultivierung, Gentechnik und Analytik. Als Biotechnologe muss man in dem Fall dann dafür sorgen, dass entwickelte Verfahren auch in den technischen Maßstab übertragbar sind. Denn was im Kleinen funktioniert, muss noch lange nicht exakt so auch in einer großen Anlage funktionieren. Hierzu benötigt man das ingenieurtechnische Wissen, um so die Entwicklungen aus dem Labor in eine Produktionsanlage zu verwandeln (sog. „upscaling“).

Derzeit werden naturwissenschaftliche Ingenieure händeringend gesucht, sodass man in Verbindung mit dem weiten Betätigungsfeld und einem soliden Studium momentan hervorragende Karrierechancen hat. So ist nach Angaben unserer Professoren noch kein einziger Student der Biotechnologie der Hochschule Anhalt nach dem Studium in die Arbeitslosigkeit entlassen worden.

Eine letzte Frage, die aber sehr wichtig ist: Was sind deine Tipps für Studieninteressenten? Du hast ja selber zuerst das falsche Studium gewählt. Wie sollte man die Studienwahl angehen und worauf sollte man achten, bevor man sich irgendwo einschreibt? Für wen ist ein Studium der Biotechnologie überhaupt geeignet?

Ich finde, man sollte nach dem Berufbild sein Studium auswählen. Also sich erst einmal fragen, was will ich später arbeiten? Womit will ich später zu tun haben (Technik, Naturwissenschaften, Geisteswissen- schaften,…)? Bin ich eher praktisch orientiert, will ich was zum Anfassen haben (also z.B. Maschinenbau) oder viel theoretisch über Problemstellungen nachdenken? Welche Arbeitszeiten und Arbeitspensum erwarten mich?

Und wenn man einige Berufe für sich entdeckt hat: Will ich dort etwas vorantreiben, also entwickeln / forschen, oder will ich direkt Werte generieren, also im Bereich Produktion / Planung arbeiten? Also für was will ich dort als künftiger Akademiker verantwortlich sein?

Bei der Wahl der Hochschule sollte man sich genau informieren, welche Schwerpunkte die einzelnen Hochschulen / Unis setzen. Meist findet man trotz gleichen Studiengangs unterschiedliche Umsetzungen, z.B. eher technologische oder naturwissenschaftliche Ausrichtung.

Welche Verbindungen hat die Hochschule mit der Industrie? Gibt es z.B. viele Aninstitute (also ausgegliederte Arbeitsgruppen), über welche man im Studienverlauf Kontakt mit der Industrie aufnehmen kann?

Und auch die Studienorganisation sich einmal anschauen, also z.B. Praktika. Wann sollen die gemacht werden (Semester / Semesterferien). Hilfreich ist hier sicherlich die Studienordnung, aber manchmal doch zu allgemein. Wenn es geht, sich einmal einen Veranstaltungsplan von aktuellen Semestern des entsprechenden Studienganges organisieren (meistens ja auf den Hochschulseiten als Service für Studierende unkompliziert zu bekommen). Dann kann man erkennen, wie viel Vorlesungen / Übungen es konkret gibt, wie viel Zeit für Vorbereitung / Nachbereitung bleibt, etc.

Lieber Frank, vielen Dank für deine hilfreichen Antworten rund um deinen Bachelor und Master Biotechnologie / Bioverfahrenstechnik an der Hochschule Anhalt. Wir wünschen dir viel Erfolg auf dem weiteren Karriereweg.

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